Nachdem Conny und ich vom Tourismus-Overkill in den Ostalpen (speziell Kärnten und Südtirol sind eigentlich kaum zu ertragen) aus Zumutbarkeitsgründen fliehen mussten, strandeten wir etwas früher als geplant im Val di Mello. Dort präsentierte sich der Alpen-Sommertourismus gleich von einer angenehmeren Seite.

Im grünen Valtellina-Tal ahnt man noch nicht, dass man in Kürze von hohen Granitflanken umrundet ist. Nach den etwa zehn Kilometern Serpentinenstraße steht man aber dann recht schnell mitten in den Bergen. Das erste Highlight das man zu Gesicht bekommt ist der Sasso Remenno, ein vierzig Meter hoher Granit-Monolith der als Klettergarten dient.

Unser Lager schlugen wir am gleichnamigen Campingplatz in der Nähe auf. Oben im Val di Mello gibt es zwar auch einen Campingplatz, was die Zustiegszeit zu den diversen Klettereien etwas verkürzen würde, dieser war aber hoffnungslos überfüllt. So hatten wir etwa 30 Minuten länger ins Val di Mello was ja an sich verschmerzbar ist. Das Auto kann man nämlich getrost stehen lassen bzw. darf man sowieso nur bis San Martino fahren. Etwa einen Kilometer vom Sasso Remenno entfernt liegt dieses Dorf mit einigen Bars, einer Pizzeria, Lebensmittelgeschäften und natürlich einen Klettergeschäft.Den Sasso Remenno statten wir an ein paar Tagen einen Besuch ab. Die Routen sind wirklich lohnenswert. Es gibt sogar einige leichte MSL-Übungstouren. Der Großteil der Klettereien ist sehr gut mit Bohrhaken abgesichert, man findet aber auch die ein oder andere Rißkletterei zum selber absichern. Allerdings haben wir den weiten Weg hierher natürlich nicht nur zum Sportklettern gemacht. Das gesamte Val Masino ist ein absolutes Boulderparadies. Der Führer „Mellobloc“ ist 500 Seiten dick und Boulder, zu denen man mehr als 3 Minuten von der Straße gehen muss, werden hier erst mal gar nicht geputzt;-). Die Schwierigkeit der Boulder reicht von ganz leicht bis ganz hart. Man sollte aber am Anfang seine Erwartungshaltung in Bezug auf Schwierigkeitsgrade etwas dämpfen, da die Kletterei recht ungewohnt ist. Viele Reibungstritte, viele Mantles, und die typischen Granitsloper erwarten einen. Der Leistenzieher wird hier eher nicht auf seine Kosten kommen.

Nach zweieinhalb Tagen Bouldern, Sportklettern, und Spazierengehen trafen auch schon Eri, Tini und Michi ein. Eigentlich hatte ich vor mit Michi etwas am Bergeller Hauptkamm zu klettern, da seine Zeit aber recht kurz bemessen war, und wir lieber klettern als stundenlange Zustiege hinter uns bringen wollten, entschieden wir uns für die Rißklassiker unten im Tal.

Mit Michi und Eri stattete ich am Abend noch dem Ferro-Wasserfall einen Besuch ab. Dort gibt es die eine oder andere Route in einer grandiosen Umgebung. Man klettert in Spritznähe eines Wasserfalls. Super für Fotos, die Kletterei selber war jetzt nicht so beeindruckend, aber trotzdem ganz ok. Wir kletterten die 2 Seillängenroute „Mixomiceto“ und versuchten uns im Anschluss daran an einer wild gesicherten 6c-Platte. Die Betonung liegt auf „versuchen“. Während des gesamten Aufenthaltes hatte ich das Gefühl, dass im Val di Mello noch eine Art „Helden-Alpinismus“ gepflegt wird. Um hier zu klettern muss man schon etwas mehr Risiko als gewohnt in Kauf nehmen. Dazu kann man jetzt stehen wie man will. Ab und zu ein Bohrhaken in sonst nicht absicherbaren griff- und tritt-losen Platten würde aber wahrscheinlich auch den Rettungs-Hubschrauber etwas weniger oft starten lassen. Wie dem auch sei….

Für den nächsten Tag nahmen wir uns die „Kundalini“ vor. Am Abend zuvor packten wir unsere Rucksäcke noch und tranken uns etwas Mut aus Tini´s angelegter Campingweinbar an. Am nächsten Morgen starteten wir früh (erstaunlicherweise ohne Kater) und standen etwa 50 Minuten später am Einstieg. Dort waren schon einige Seilschaften am Werkeln und vor allem Warten. Wir überlegten hin und her ob wir nicht doch lieber eine andere Tour klettern sollten. Da wir die Alternativtour aber nicht richtig fanden, kehrten wir wieder zu unseren Ursprungsplan zurück. Mittlerweile war aber schon die nächste Seilschaft vor uns. War etwas mühsam. Ich startete von links in die erste Seillänge. Das Selberabsichern ging zwar gut, nahm jedoch auch ganz schön viel Zeit in Anspruch. Nachdem Michi flott nachgekommen war kletterte er die Schlüssellänge (Einzelstelle, mit NH abgesichert) und nominell hätten wir das Schwierigste hinter uns haben sollen. Für mich folgte ein 5b-Riss bei dem ich mir fast in die Hosen gemacht habe. Da ich sicher nicht die allerfeinste Rißklettertechnik habe, piazte und stemmte ich mich die Seillänge hinauf. Immer wieder stand ich am Rande der Verzweiflung da ich aus meiner verspannten Körperhaltung die Sicherungen schwer legen konnte. Irgendwie ging es dann doch und ich überwand den steilen Riss um nach einem kurzem, weniger steilem Stück festzustellen, dass ich gerade 10m hinter mich gebracht habe, der Riss noch 20-25m weiter zieht, und mir langsam die Cams ausgingen. War aber dann halb so wild, da sich der Riss eh verengte und ich noch mehr als genug Material hatte. Willkommen beim Trad-Klettern! Die Tour zieht dann weiter in eine riesige horizontale Dachverschneidung an der man quert. Sicherungen lassen sich leicht anbringen (und das muss man auch da kaum etwas steckt) und die Kletterei bis in den 6. Grad geht schön auf. Am Ende der Verschneidung quert man über geneigte Platten, die nicht abgesichert sind und auch nicht abgesichert werden können. Die Schwierigkeiten dürften zwar den unteren 5. Grad nicht überschreiten, lustig wars trotzdem nicht….

Bei den abschließenden 3 Seillängen war noch etwas Orientierungssinn gefragt, da die Topo aus dem Versante Sud Führer leider nicht besonders aussagekräftig ist. Wenn man dem abgegriffenen Fels folgt ist man aber auf der sicheren Seite. Am Ausstieg angekommen durften wir noch ein wenig Abstieg suchen und hier war dann nochmal Konzentration gefragt. Ausrutschen am Abstieg würde an manchen Stellen auch relativ schnell ins Tal führen….

Da die Tour für mich sowohl körperlich als auch physisch recht anstrengend war, benötigte ich dann eh einen Tag Pause und so kletterte Michi mit Eri die „Tunnel Diagonale“ während ich mit Conny und Tini ein bisschen Bouldern war.

Für Sonntag planten wir dann die „Luna Nascente“ die als beste Granitkletterei der Alpen beschrieben war. Das nicht zu unrecht. Genusskletterei wars aber keine. Teilweise für mich eher das Gegenteil.

Wir waren diesmal etwas früher unterwegs und die erste Seilschaft in der Tour. Glücklicherweise war hinter uns eine Seilschaft die recht gemächlich bei der Sache war und so Puffer zwischen uns und allen Nachkommenden spielte. So hatten wir die Tour für uns alleine und keine Seilschaften die von unten drückten. Die ersten 2 (nominell schwersten) Längen gingen ganz gut und auch nachher kamen wir recht flott voran. Man klettert meistens in Piazverschneidungen die nie allzu schwer sind. Die Risse fressen die Friends nur so und das Ganze geht relativ stressfrei. Dass die Stände nicht ultrasolide sind, muss man halt ausblenden;-). In der sechsten Seillänge klettert man auf eine 50m-Riesenschuppe zu, die man an geeigneter Stelle links quert. Ich konnte aus dem Topo nicht herauslesen, dass ich mehrere Meter über einen Piazriss abklettern musste und erst dann nach links queren sollte. So stand ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs in der Wand und hatte keine Ahnung wo es weiter ging. Alle anderen Optionen schienen absolut nicht dem angegebenen Grad zu entsprechen, bzw. sogar weit davon entfernt zu sein. Gesichert nur an einer vergammelten Reepschnur, in einem nicht minder vergammelten Normalhaken,war mir bei der ganzen Sache nicht besonders wohl. Irgendwann kletterte ich dann doch los; kletterte halb ab, halb ließ mich Michi an besagter Sicherung ab, und startete an etwas das wie Tritte aussah die Linksquerung ins Ungewisse. Sicherungen waren leider nicht mehr zu legen, aber nach einigen Metern tauchte der rettende breite, leichte Riss auf. Puhhh. Erst einmal ist mir ein Stein von Herzen gefallen. Dann bemerkte ich dass der 5er Friend noch an Michis Gurt baumelte. Sehr gut, mit dem hätte man den Riss nämlich absichern können. So war dann Soloklettern am Seil angesagt. Nach gefühlten 50 Klettermetern ohne Sicherung (in Wirklichkeit waren es wahrscheinlich keine 10) fand ich endlich eine schlechtes Placement für einen 2er Friend. Als ich den endlich untergebracht hatte, blickte ich auf und sah 10cm vom Friend entfernt die beiden Standhaken.. wenn man schon am Limit ist, kommt meistens das Deppert-Sein auch noch dazu….nagut. Als ich die Ausgleichsverankerung aufbaute kam mir einer der beiden Haken gleich entgegen. Damit war meine Psyche vollends am Ende. Irgendwie hab ich noch ein paar Friends reingefummelt und völlig entkräftet „Stand“ gerufen….Beim Seileinholen gab die Riesenschuppe beängstigende Klänge, die an die Pummerin erinnerten von sich. Aber gut, das war jetzt Michis Problem….

Die Schuppe hielt natürlich und Michi kam ohne Probleme die Seillänge nach. Nach dieser Psychovorstiegslänge kam dafür die Entschädigung mit einer Traumrisslänge. Ein echter Hand- und Fuß-klemmer-Riss und Michi war in seinem Element. Nie zu schwer, super abzusichern und zur Abwechslung wirklich ein Genuss. Der dann aber bei den beiden Ausstiegslängen gleich wieder vorüber war.

Zunächst quert man entlang einer Quarzader im 3er-Plattengelände etwa 35m bis zu einem Riss. Irgendwo bekommt man einen 0,75er Friend rein, das war es dann aber auch schon. Der Stand war nicht eingerichtet und so querte ich munter weiter in etwas was sicher kein 3er Gelände war bis ich dumpf vernehmen konnte das jemand „Seil aus“ schrie. Scheiße. Was jetzt? Also wieder zurück über die Platten die eher im 6. als im 3. Grad waren. Kurz in der Topo nachgeschaut und überrissen, dass wir doch den Riss rauf mussten. Damit war es Zeit für meinen ersten selbstgebastelten Stand an Friends und Keilen. Hurra! Der Stand ließ sich aber recht gut einrichten. Michi folgte nach und durfte dann den Riss 15m vorsteigen um eine finale 25m Plattenquerung im unterem 6. Grad vorzunehmen. Dass diese Querung nicht abgesichert werden konnte, wusste ich während des Nachstiegs nicht, und so kletterte ich recht angriffslustig die Platte hinauf. Wenn ich gewusst hätte, dass ich beim Abrutschen in Erwartung eines 60m-Pendlers gewesen wäre, wär ich die Sache wahrscheinlich etwas vorsichtiger angegangen. Aber Ende gut alles gut. Abenteuer war es in jedem Fall. Wenn man einsteigt sollte man den Grad aber sehr sicher klettern können. Wer nicht so auf Platten steht, lasst es lieber bleiben. Der Abstieg war dann auch nochmal ganz schön fordernd und wir waren froh bei einem Wasserfall vorbei zu kommen um unsere Füße im eiskalten Gletscherbach zu kühlen.

Für Michi und Eri war dann schon wieder Ende und sie traten am folgenden Tag die 800km-Heimreise an. Ich verbrachte mit Conny und Tini einen gemütlichen Ruhetag und einen Sportklettertag am Sasso Remenno. Mit Tini stieg ich danach in die Route „Tunnel Diagonale“ ein, die Eri und Michi ein paar Tage vorher schon geklettert waren, und als sehr lohnend und angenehm beschrieben. Das war es dann auch. Wir mussten zwar wieder kurz warten, da eine britische Seilschaft etwas ängstlich die gut absicherbare Kletterei hochschlich, für die 120m Kletterei hatten wir aber eh genug Zeit. Die Route stellte sich als wirklich schöne Rißverschneidungstour heraus, die auch gut als erste Tour im Val di Mello dienen kann.

Den ersten Stand sollte man mit Friends verbessern. Die restlichen Stände sind an Bäumen einzurichten. Bis auf einen Normalhaken steckt in der Tour nichts, mit einen Satz Friends und Keilen kann man die recht kurzen Seillängen aber perfekt sichern. Leider war die Kletterei viel zu kurz und ich war etwas verwundert als wir am Ausstieg standen. Daher beschlossen wir noch die Tour „Bakunin“ am nebenan liegenden Felsen zu klettern. War nicht die beste Entscheidung. Die erste Länge umging ich in einer bohrhaken gesicherten Plattenlänge rechts daneben die lt. Führer mit 6a/b bewertet war. Nun ja, war für mich nur A1 zu bewältigen. Eine kurze Rißstelle folgte, die auch die einzig lohnenden 5 Meter der Tour darstellte. Danach ging es über ungesicherte Grasplatten und Angstquerungen, teilweise durchs Nadelwalddickicht. Nach einer kurzen leichten Länge folgte noch die wiederum kaum absicherbare 6er-Schlussplatte. Ich wich wieder über etwas Bohrhakengesichertes aus, das 6a+ hätte sein sollen. Und da ich die Länge nicht einmal technisch hochkam, querte ich mit etwas sehr viel Risiko in einen erdigen Riss, den ich mich dann irgendwie hochkämpfte. Tini ersparte ich die Länge und so seilten wir ab. Auf den Versante-Sud-Führer sollte sich man also, was Schwierigkeitsgrade und Ernsthaftigkeitsbewertungen angeht, nicht zuviel verlassen. Wenn eine Route die mit R2 bewertet ist, was eigentlich bedeutet das im maximalen Abstand von 5m eine Sicherung vorhanden ist bzw. gelegt werden kann, mit unabsicherbaren 20m-Plattenrunouts die im Sturzfall auf Bändern enden würden in der maximalen Schwierigkeit der Route aufwartet, hört sich der Spaß ein wenig auf. Auf die „Tunnel Diagonale“ trifft das aber nicht zu. Und so kletterte ich diese mit Conny am nächsten Tag nochmal, während Tini sich auf eine lange Wanderung zum Rifugio Gianetti und dann über den Sentiero Roma zum Rifugio Allievi aufmachte. Sehr viele Leute erwarteten uns am Einstieg, die uns dann aber netterweise vor gelassen haben; irgendwie war ich ein wenig zu hektisch und unkonzentriert und hab dann gleich einmal einen 7m-Sturz in ungutes Sturzgelände hingelegt.....gottseidank nur ein paar Schnittwunden an den Händen, ein blauer Fleck am Arsch, eine kaputte Kletterhose und ein zerstörter Friend (von dem hab ich einen Abdruck auf der linken Arschbacke....)

Ich hab mich dann ein bisschen abgeschüttelt, das Tempo rausgenommen, und wir sind die Tour recht flott fertig geklettert. Conny war super drauf und hat im Nachstieg immer die schwereren Varianten genommen. Nachher sind wir noch in den Bach gesprungen und zum Ferro-Wasserfall die letzte Sonne tanken gegangen, wo Tini dann auch schon nach ihrer 2000hm-Wanderung eintraf. Tini schwärmte vom Rifugio Gianetti und ein bisschen schade fand ich es dann doch nicht weiter oben gewesen zu sein. Aber die Gegend dort hat mich bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Nach dem letzten superschönen Urlaubstag war leider eine Wetteränderung angesagt und so traten wir zu dritt im Twingo die etwas mühselige Heimreise an.

zu den Fotogalerien:

Mixomiceto
Kundalini
Luna Nascente
Tunnel Diagonale (mit Tini)
Bakunin
Sportklettern Sasso Remenno
Bouldern